Erzählungen aus dem Leben mit Fluchterfahrungen
von B. 

 

 

Der Moment, den ich nie vergesse

 

Der Tag begann ruhig, fast trügerisch.

 

Zwischen Papieren sitzend glaubte ich, es sei einer dieser Tage, an denen alles normal erscheint – bis ein einziger Moment alles veränderte.

 

Ich war im Büro und arbeitete, so wie an vielen Tagen zuvor. Die Fenster waren offen, das Licht fiel auf die Papiere vor mir, und ich versuchte, mich auf meine Aufgaben zu konzentrieren. Seit einigen Tagen hörten wir Nachrichten aus dem Land. Provinzen fielen, eine nach der anderen. Wir sprachen darüber, leise, vorsichtig, fast so, als könnten Worte die Realität näher holen. Die Angst war da, auch wenn niemand sie laut aussprach. 

 

An diesem Tag rief ich eine unserer Außenstellen an. 

Wir redeten über Arbeit, über Unterlagen, über Dinge, 

die damals noch wichtig schienen. Ich hörte die Stimme 

meiner Kollegin, vertraut, ruhig. Und dann, mitten im Gespräch, 

änderte sich alles. 

 

Plötzlich hörte ich Schreie. Keine klaren Worte, nur pure Panik. Stimmen durcheinander, Schritte, Chaos. Für einen kurzen Moment verstand ich nicht, was geschah, bis ich das hörte, was sich unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt hat: Schüsse. Laut, nah, erschreckend real. Mein Körper erstarrte, während mein Herz raste. Ich hörte die Angst meiner Kolleginnen, ihre Stimmen, die um Hilfe schrien, und dann abrupt – brach die Verbindung ab.

 

Ich starrte auf das Telefon in meiner Hand, als könnte ich durch bloßes Warten die Zeit zurückdrehen. Ich versuchte erneut anzurufen. Einmal. Zweimal. Immer wieder. Nichts. Keine Antwort. Keine Stimme. Nur Stille. Doch in meinen Ohren hallten die Geräusche weiter, als wären sie noch immer da.

Ich weiß nicht, wie lange ich dortblieb. Aber ich weiß, dass ich nicht zerbrochen bin.

 

Inmitten dieser Ohnmacht war da etwas, das mich hielt. Kein Geräusch, keine Stimme von außen – eher eine innere Ruhe, die sich leise ausbreitete, genau dann, als die Angst mich zu verschlingen drohte. Es war kein Ende des Schmerzes, aber es war genug, um zu bleiben.

 

Die Schüsse sind längst verstummt. Die Tage sind vergangen. Doch dieses Echo lebt weiter in mir. Es erinnert mich daran, wie zerbrechlich Sicherheit ist – und wie stark ein Mensch sein kann, wenn er trotz allem weiteratmet.

 

In diesem Moment fühlte ich, wie mir der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Ein gewöhnlicher Arbeitstag war innerhalb von Sekunden zu etwas geworden, das mein Leben teilte – in ein Davor und ein Danach. Ich saß da, unfähig aufzustehen, unfähig zu denken, und hatte das Gefühl, dass alles, was sicher gewesen war, plötzlich verschwunden ist.

 

Zwischen Wänden

 

Am Morgen danach war alles stiller. 

Nicht friedlich, sondern schwer. 

Als hätte die Stadt den Atem angehalten. 

Ich wachte auf und wusste sofort, dass nichts mehr so war wie zuvor. 

Noch bevor ich aus dem Fenster sah, lag dieses Gefühl in der Luft. Ein Gefühl, das sich nicht erklären ließ, aber alles bestimmte. Die Geräusche draußen waren weniger geworden, und gerade diese Stille machte mir Angst. Ich trat ans Fenster. Die Straße war fast leer. Menschen gingen schneller als sonst, mit gesenktem Blick, als wollten sie unsichtbar werden. Türen blieben geschlossen, Vorhänge zugezogen. Es war, als hätten sich alle zurückgezogen – nicht nur in ihre Häuser, sondern in sich selbst.

 

Innerhalb weniger Stunden hatte sich alles verändert. Orte, die gestern noch vertraut waren, fühlten sich fremd an. Freiheit war nichts Greifbares mehr, sondern eine Erinnerung. Ich bewegte mich durch die Wohnung, von Raum zu Raum, und merkte, wie eng alles geworden war. Nicht wegen der Wände – sondern wegen dem, was draußen geschah.


Die Zeit verlief anders. Minuten dehnten sich, 

Stunden verloren ihre Bedeutung. Ich saß da, 

hörte meinen eigenen Atem und fragte mich, 

wie ein ganzes Land so schnell verstummen konnte. 

Wie Leben, Pläne und Träume plötzlich keinen Platz mehr hatten.

 

Und doch geschah etwas Unerwartetes: Inmitten dieser Enge, zwischen diesen Wänden, brach ich nicht zusammen. Ich fühlte Angst, ja. Aber auch etwas anderes. Etwas Ruhiges. Als würde mir jemand sagen, dass ich bleiben darf, auch wenn alles andere zerfällt. Ich begann zu verstehen, dass Mauern nicht nur einsperren. Manchmal schützen sie auch. Nicht vor dem, was draußen ist – sondern davor, innen zu zerbrechen. 

 

Ich konnte nichts ändern. Aber ich konnte atmen. Einen Moment nach dem anderen.

 

Die Welt draußen war nicht mehr meine. Aber in mir war noch Raum. Ein kleiner, stiller Raum, der mir erlaubte, nicht verloren zu gehen. Und vielleicht war genau das der Anfang: zwischen all den Grenzen nicht zu verschwinden.

 

 

 

Die Tage ohne Namen

 

In diesen Tagen wachte die Nacht zuerst auf.

Sie saß bereits in den Ecken des Hauses, noch bevor die Sonne unterging, und breitete sich aus wie ein dunkles Tuch, das man langsam über die Möbel legt, um sie zu schützen – oder um sie zu vergessen.

 

Ich lebte in einem Raum, der immer kleiner wurde, obwohl seine Wände sich keinen Zentimeter bewegten. Es war nicht das Haus, das enger wurde. Es war die Welt draußen, die näher rückte, bis sie gegen die Fenster drückte. Man hörte sie nicht, aber man spürte ihr Gewicht.

 

Die Tage hatten ihre Gesichter verloren. 

Sie kamen ohne Ankündigung und gingen ohne Abschied. 

Ich erkannte sie nur daran, dass der Tee kalt wurde 

und die Schatten im Zimmer wanderten. 

Manchmal fragte ich mich, ob es noch Morgen gab oder nur verschiedene Arten von Nacht.

 

Im Haus bewegten wir uns wie durch Wasser. Jeder Schritt war langsam, jedes Wort vorsichtig. Wir hielten die Stimmen niedrig, als könnten laute Geräusche etwas Zerbrechliches zerstören. Gespräche wurden zu Andeutungen, Andeutungen zu Blicken. Und Blicke sagten mehr als ganze Sätze.

 

Draußen war die Straße still, aber es war keine leere Stille. Sie war gefüllt mit etwas Unsichtbarem, etwas Wartendem. Die Häuser standen da wie Zeugen, die alles gesehen hatten und beschlossen hatten, zu schweigen. Fenster blickten zurück, ohne etwas preiszugeben.

 

Ich schrieb ein paar Zeilen, während mein Herz langsam zur Ruhe kam, in der Erinnerung an Gott – jenes stille Gefühl, das mich hielt, ohne Lärm, ohne Worte.

 

Wenn wir als Familie zusammensaßen, erzählten wir Geschichten aus einer Zeit, die sich weiter entfernt anfühlte als ein anderes Land. Wir lachten leise, vorsichtig, als müsste das Lachen erst lernen, wieder zu existieren. Niemand sprach über das, was kommen könnte. Die Zukunft war ein Raum, dessen Tür wir geschlossen hielten.

 

Und dann, fünfmal am Tag, veränderte sich die Luft.

 

Der Gebetsruf kam aus der Nähe, aber er schien nicht durch den Raum zu gehen – er ging durch mich. Er nahm die Schwere nicht plötzlich weg, sondern löste sie, als würde jemand Knoten öffnen, die sich tief im Inneren festgezogen hatten. Mit jedem Klang fiel etwas ab, das ich getragen hatte, ohne es zu merken.

 

In diesen Momenten fühlte es sich an, als würde jemand meinen Namen kennen, selbst wenn ich ihn vergessen hatte. Als würde mir eine Stimme eine Zukunft zuflüstern, die noch nicht sichtbar war, aber bereits existierte. Eine Zukunft, die nicht schrie, sondern wartete.

 

Ich wusste nicht, wie lange diese Tage dauern würden. Aber ich wusste, dass ich blieb. Nicht aus Gewohnheit. Nicht aus Mut. Sondern weil zwischen all dem Stillstand etwas in mir atmete – leise, geduldig, unbeirrbar.

 

Vielleicht war es Hoffnung.

Vielleicht war es Vertrauen.

Oder vielleicht war es einfach das Wissen,

dass selbst in Räumen ohne Türen

das Licht einen Weg findet.

 

 


 

 

 

Meine kurdische Kindheit

Von G.

 

 

 

 

Ich bin in einem kleinen Dorf in der Nähe von Kobanê aufgewachsen. Unser Haus war von Feldern und Bäumen umgeben. Vor dem Haus gab es viel Grün, und wir hatten die Natur direkt um uns herum. Wir hatten auch viele Tiere: Schafe, eine Ziege, eine Kuh, Hühner und schöne Tauben. Die Tauben waren besonders hübsch. Sie waren weiß, braun und grau, und ich habe sie sehr geliebt.

 

Ich habe zwei ältere Brüder und zwei jüngere Schwestern. Wir haben oft kleine Häuser aus Lehm gebaut und zusammen gespielt. Wir waren fast jeden Tag draußen, sind zwischen den Feldern gelaufen und haben unter den Bäumen gespielt. Meine Familie ist sehr wichtig. Opa und Oma haben uns oft Geschichten erzählt, und wir haben ihnen sehr gerne zugehört.

 

Ich bin gerne zur Schule gegangen und mochte meine Lehrer und meine Mitschüler sehr. Dort habe ich gerne gelernt und besonders gerne auch gemalt. Außerdem habe ich Fußball, Verstecken, Seil springen und viele andere Spiele mit meinen Cousins und Cousinen gespielt.

 

Alles war schön und glücklich, bis der Krieg begann und wir im Jahr 2014 unsere Heimat verlassen mussten. Wir sind zuerst in die Türkei gegangen. Dort haben wir fünf Jahre gelebt.

 

Mit 14 Jahren wurde ich leider krank und mein Leben veränderte sich sehr. Im Jahr 2019 sind wir mit Hilfe der Vereinten Nationen nach Bulgarien gekommen. Seit 2021 leben wir in Deutschland.

Kasachstan – Ein Land, das im Herzen bleibt

 

 

 

 

Von M.

 

 

 

Kasachstan liegt im Herzen Eurasiens, d. h. zwischen Europa und Asien, zwischen Tradition und Moderne. Es ist ein Land der unendlichen Weite, der klaren Horizonte und einer tief verwurzelten Kultur. 

 

Seit dem 16. Dezember 1991 ist Kasachstan ein unabhängiger Staat, doch seine Geschichte reicht viel weiter zurück – bis in die Zeit der Nomaden und der legendären Handelsrouten der Seidenstraße, die einst durch dieses Gebiet führten und Kulturen miteinander verbanden.

 

Mit einer Fläche von 2.724.900 km² ist Kasachstan das neuntgrößte Land der Welt. Seine wahre Größe zeigt sich jedoch nicht nur auf der Landkarte, sondern im Charakter des Landes selbst. Endlose Steppen, die sich scheinbar bis ins Unendliche erstrecken, mächtige Gebirgsketten im Süden und kristallklare Seen prägen das Landschaftsbild. Diese Natur vermittelt ein Gefühl von Freiheit und Weite, das in dieser Form nur selten zu finden ist.

 

Im Korgalzhyn Natur Reservat, das zum UNESCO-Welterbe gehört, versammeln sich im Sommer tausende rosa Flamingos: ein außergewöhnliches Naturschauspiel am nördlichsten Punkt ihres Lebensraums. Die Kolsai Seen, drei smaragdgrüne Bergseen inmitten unberührter Natur, stehen für Ruhe, Reinheit und die stille Kraft der kasachischen Landschaft. In der Nähe von Almaty liegt zudem Medeu, eine der höchstgelegenen Eislaufbahn der Welt, umgeben von beeindruckenden Bergen und das Skigebiet Shymbulak.

 

Die Hauptstadt Astana symbolisiert die moderne Entwicklung des Landes. Mit ihrer futuristischen Architektur und klaren Linien steht sie für Aufbruch und Zukunft. Ein markantes Wahrzeichen ist Khan Shatyr: das größte Zelt der Welt. Unter der transparenten Konstruktion befinden sich Geschäfte, Restaurants und sogar ein Strand mit Sand von den Malediven. Hier begegnen sich Vision, Kreativität und Architektur.

 

Kasachstan ist außerdem ein Land großer kultureller Vielfalt. Rund 20 Millionen Menschen aus über 120 ethnischen Gruppen leben hier miteinander. Unterschiedliche Sprachen, Traditionen und religiöse Hintergründe prägen das gesellschaftliche Leben. Diese Vielfalt ist keine Trennung, sondern eine Stärke – sichtbar in Musik, Festen, kulinarischen Traditionen und im respektvollen Miteinander. Gastfreundschaft gilt als einer der wichtigsten Werte und wird als selbstverständlicher Ausdruck von Respekt und Offenheit gelebt.

 

Mitten in der Steppe befindet sich das weltbekannte Baikonur Cosmodrome – einer der bedeutendsten Raketenstartplätze der Welt. Von hier startete 1961 Juri Gagarin als erster Mensch ins All. Dieser Ort steht bis heute symbolisch für Fortschritt, Mut und die Fähigkeit, über Grenzen hinauszudenken.

 

Kasachstan verbindet jahrhundertealte nomadische Traditionen mit moderner Dynamik. Während Städte wachsen und Innovationen entstehen, bleiben kulturelle Werte, familiärer Zusammenhalt und die tiefe Verbundenheit mit der Natur lebendig.

 

Vielleicht ist Kasachstan nicht das bekannteste Reiseziel der Welt, doch gerade darin liegt die besondere Ausstrahlung. Wer sich auf dieses Land einlässt, entdeckt eine stille Stärke, eine beeindruckende Weite und eine Wärme, die bleibt. 

 

Kasachstan ist mehr als ein Ort: es ist ein Gefühl, das Grenzen überwindet und auch fern der Heimat weiterlebt.

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